Im Ernstfall können Zentimeter entscheidend sein

Ein tonnenschweres Feuerwehrauto auf nasser Fahrbahn präzise abbremsen will gelernt sein. | Foto: Pascal Waldszus
RHEINFELDEN. Es ist 3.47 Uhr, mitten in der Nacht, als der Alarmmelder von Claus Wagner schrillt. Ein Unfall mit
Verletzten auf einer Landstraße. Wie schlimm es genau ist, weiß der Maschinist der Feuerwehr Kandern in diesem Moment nicht. Doch er darf keine Zeit verlieren, denn nicht selten geht es bei Einsätzen der Feuerwehr um
Menschenleben da können zwischen Meldung und Eintreffen am Einsatzort bereits Sekunden entscheidend sein.
Die Belastung für den eigenen Körper bezeichnet Claus Wagner bei solchen Einsätzen schon als „ziemlich heftig“.
Wenn das Adrenalin ins Blut schießt und die Brandbekämpfer mit Martinshorn und Blaulicht zum Unfallort rasen, kann
der Puls in der ersten Viertelstunde nach dem Einsatzbefehl auf 170 bis 190 Herzschläge pro Minute ansteigen. „Oft
sind Personen in Gefahr, da fährt man dementsprechend“, erklärt der 38-Jährige, der sonst als selbstständiger
Elektromeister arbeitet. Um den Unfallort schnell und sicher zu erreichen, müssen Maschinisten wie er, trotz hoher Belastung, ihre tonnenschweren Löschfahrzeuge perfekt beherrschen, wenn sie auf teilweise engen oder
verkehrsreichen Straßen unterwegs sind.
Um die Gefahren auf dem Weg zum Einsatzort zu minimieren und das Gefühl für das eigene Fahrzeug zu erhöhen
veranstaltet der Kreisfeuerwehrverband Lörrach bereits seit einigen Jahren Spezialseminare zum Thema Fahrsicherheit. Das vierte dieser Art, das der Verband in Zusammenarbeit mit der Verkehrsfachschule Markdorf und weiteren
Partnern organisierte, fand am vergangenen Wochenende in Rheinfelden statt.
Knapp 100 Sonderfahrzeugführer aus 19 Feuerwehren des Kreises nahmen an dem mehrtägigen Sicherheitstraining
teil. Neben einem vierstündigen Theorieblock zur Kfz-Technik, Verkehrssicherheitslehre und Fahrphysik, gab es auch
einen praktischen Teil: Auf sechs Stationen lernten die Maschinisten unter professioneller Aufsicht von Fahrlehrern des ADAC Südbaden ihre Fahrzeuge in Extremsituationen zu beherrschen. Dazu gehörte gezieltes Bremsen auf einer
Rutschplane die Glatteis simuliert bei verschiedenen Geschwindigkeiten, Gefahrenbremsen bei Hindernissen, sowie das Einschätzen der Fahrzeugabmessungen mit Hilfe eines Hindernisparcours.
„Der Bedarf für diese Art von Seminaren ist da“, ist sich Sylvia Dworak, Leiterin der Verkehrsfachschule Markdorf,
sicher. Im Landesdurchschnitt legen die Maschinisten auf Einsatzfahrten pro Jahr nur zwischen einem und zehn Kilometern zurück. Nicht besonders viel, so Dworak, wenn es darum geht, in Gefahrensituationen richtig zu reagieren.
Auch Claus Wagner, der in Rheinfelden in dem elf Tonnen schweren Drehleiterwagen der Kanderner Feuerwehr
trainierte, bezeichnet die Seminare als unverzichtbar, denn wie er seien die meisten seiner Kollegen nur Hobbyfahrer.
„Wir haben bei Einsatzfahrten viele brenzlige Situationen. Ich trage als Fahrer nicht nur die Verantwortung für das
Material und mich, sondern für die ganze Mannschaft und andere Verkehrsteilnehmer“, beschreibt der 38-Jährige. Das
Training solle deshalb zur Pflicht für alle Maschinisten werden, so Wagner. Bisher ist die Veranstaltung freiwillig, die Kosten von 77 Euro pro Teilnehmer werden von den Gemeinden nicht in allen Fällen übernommen.
Dass sich die Seminare bereits in der Praxis ausgezahlt haben, beweist ein Vorfall im Januar in Rheinfelden: Als die
Einsatzfahrzeuge auf dem Weg zu einem Trafobrand im Kraftwerk waren, scherte ein Verkehrsteilnehmer plötzlich aus und stellte sein Auto quer auf die Fahrbahn. Nur durch eine Vollbremsung des Löschfahrzeuges konnte Schlimmeres
verhindert werden. Das Auto wurde zwar von der Straße gerammt, der Autofahrer jedoch nicht verletzt.
Was nur wenige Stundenkilometer oder Millisekunden mehr für den Bremsweg bedeuten, wird vielen Fahrern erst in
den Seminaren bewusst, erklärt Claus Wagner. „Das Training macht uns im Umgang mit den Fahrzeugen souveräner.
Oft hilft es schon, einfach mal richtig auf die Bremse zu treten“. Grundlos würden das im Alltag nur die wenigsten Fahrer ausprobieren, so der Feuerwehrmann.


